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Bernstädter Brandmaus
Aus dem Buch "Geschichten der Wichtel - über Zawidów und Bernstadt a. d. Eigen"
„Können Engel müde sein?“ fragte Ambrosius. Die Frage fiel nicht zufällig. Ambrosius schlummerte gern, schämte sich aber dafür. Deshalb suchte er in seinem Umkreis irgendein Wesen, das auch so gern schlummerte. „Sie müssen manchmal müde sein“, spann er den Gedanken weiter, „denn sie müssen ja stets, bei Tag und bei Nacht Menschen betreuen, Dörfer, Städte und Tiere behüten - das ist sehr schwierig...“ Wenn er an so große Anstrengungen dachte, musste er gähnen.
„Das kommt tatsächlich vor“, flüsterte ihm Erzengel Michael, der Schutzherr von Zawidów, ins Ohr, nachdem er sich plötzlich zu den Wichteln gesellt hatte. Man sah ihm an, dass er mit ihnen plaudern wollte. „Das passierte sogar in einer Zawidów sehr nahen Stadt...“
„Einer nahen?!“ Kaspers Neugier war geweckt.
„Einer nahen, weil befreundeten“, sagte der Engel. „Das war vor langer Zeit im deutschen Bernstadt. Jahrhunderte lang behütete ein guter Engel die Stadt, also geschah dort nichts Schlimmes. Die Menschen lebten in guter Freundschaft. Kataklysmen und Kriege mieden Bernstadt. Und wenn jemand mit einem Anderen stritt, oder ihm sogar einen Stoß versetzte, so entschuldigten sie sich und lebten einvernehmlich. Es ist kaum zu glauben, aber damals war es in Bernstadt so ruhig, dass Mäuse und Vögel keine Angst vor Katzen hatten. Man kann nicht behaupten, dass Katzen die Mäuse gern hatten. Aber die Mäuse liefen den Katzen nicht über den Weg. Die wiederum lauerten nicht an Löchern und Baumhöhlen, um zu jagen. Ob das alles nun dem Engel zu verdanken war, dessen Name ich nicht nenne.... Oder ob das aus anderen Gründen ein so ruhiger Ort war, das weiß man nicht. Aber 1828 war es eines Tages in Bernstadt unruhig. Zwar passierte nichts, aber die Vögel erhoben ein großes Geschrei und flogen von den Dächern. Die Mäuse liefen unruhig umher, bewegten die wie Perlen kleinen Näschen und Schnurrbärte, als würden sie eine hier sonst unbekannte Unruhe verspüren. Der Engel war nicht da. Es ist heute schwer zu sagen, ob er träge von dieser Ruhe und müde von dem ständigen Wachen schlummerte. Er kann aber auch woanders etwas zu tun gehabt haben.“
„Und die Stadt war nicht bewacht?“ fragte Ambrosius schläfrig. „Aber was schadet das schon, wenn jemand ein Stündchen schlummert...“
„Es erwies sich jedoch“, sagte Michael streng, „dass es an jenem Tag schlimme Folgen hatte. Die kleinen Tiere verspürten nämlich Rauch. Im Dachgeschoss eines Hauses glimmte ein Feuer. Flammen waren noch nicht sichtbar. Die Menschen rochen den Rauch noch nicht. Sie verstanden auch nicht, warum die Vögel geflohen waren und die Mäuse ängstlich umherliefen. Ein Mäuschen war besonders verzweifelt. Im Loch einer Hauswand hatte sie ihren Wintervorrat versteckt. Nun saß sie auf der Schwelle und piepste verzweifelt. Der Hausherr beachtete sie nicht. Wozu soll man sich den Kopf zerbrechen, warum eine Maus piepst? Als das Feuer ausbrach, brannten sogleich einige Häuser. Die Menschen hatten keine Chance ihr Hab und Gut zu retten. Einzelne rannten noch zurück ins Haus und ergriffen das Teuerste, was sie besaßen. Dann rannten sie aus den Flammen und sahen, wie diese den Erwerb ihres Lebens verschlangen.
Das Mäuschen, das so sehr versucht hatte, die Aufmerksamkeit des Hausherren auf sich zu lenken, schaffte es auch nicht, seine Vorräte zu retten. Es kehrte jedoch zu den glimmenden Brandresten zurück, um löschen zu helfen. Viel Wasser konnte die Maus nicht bringen, Mäuse sind ja klein. Sie wollte aber wenigstens eine kleine Flamme löschen, um etwas zu retten. Das war doch auch ihr Haus.
Beim Löschen merkte sie nicht, dass es unter dem Balken, auf dem sie saß, brannte. Sie bemerkte die Gefahr nicht. Der Hausherr wollte sie retten und warf ein glimmendes Holzstück in ihrer Richtung. Anstatt sie nur zu erschrecken, traf er die Maus am Rücken, wo ein schwarzer Streifen entstand. Das Tierchen floh voller Angst. Bald darauf brachen die Balken herunter. Das Haus lag in Schutt und Asche.
Der fliehenden Maus folgten alle Mäuse aus der Stadt. Sie liefen auf die Felder, die das Feuer und die Glut der brennenden Stadt nicht erreichten.
„Seit jener Zeit haben alle Mäuse in der Umgebung von Bernstadt durch das Zusammentreffen der Umstände am Rücken einen schwarzen Strich im Fell. Die Leute nennen diese Tierchen ‚Brandmäuse‘ oder ‚Bernstädter Mäuse‘.“
„Und was geschah dann?“ fragte Kasper.
„Als der Engel zurückkam, versteinerte er fast vor Verzweiflung“, sagte der Erzengel Michael. „Er trauerte um die Menschen, die Tiere und die Stadt. Er machte sich Vorwürfe, dass er in dem für die Stadt schwersten Moment nicht da gewesen war. Später kam er zu der Einsicht: Wenn jetzt Böses geschehen ist, so kann es der Anfang für das Gute werden. Mit gemeinsamer Anstrengung und unter der Obhut des Engels bauten die Menschen die Stadt wieder auf. Sie halfen einander bei der Arbeit. Jetzt herrscht wieder Einvernehmen. Die Menschen sind freundlich zueinander und zu den Gästen, die sie freudig empfangen und bewirten...“
„Vielleicht besuchen wir Bernstadt“, schlug Ambrosius eilig vor. Als er von der Bewirtung gehört hatte, wurde er hellwach. „Es ist interessant, was man dort Leckeres kosten kann.... Vielleicht finden wir das Haus, in dem das Mäuschen wohnte.“